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Hans-Jürgen Hufeisen - Ein Porträt

Autor: Oliver Weilandt, Int. Audiodienst Frankfurt  O-Ton hören 

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Hans Jürgen Hufeisen - in seinem Namen steckt gleich zweimal das Glück. Als Baby von seiner Mutter in einem Hotel ausgesetzt, wird er vom Wirt unter einer Bettdecke entdeckt und gerettet. Das erste, woran der heutige Komponist und Flötenvirtuose sich erinnert, ist nicht die Angst vorm Ersticken, sondern das Licht, als die Decke sich lüftet. 

O.W. 
Ist das eine Art Überlebensprinzip vom Hans im Glück, Herr Hufeisen: nur das Positive zu sehen? 

O-Ton Hufeisen: 
Also ich bin schon sicher, dass Namen immer Programm sind. Und meine Mutter hat mir halt den Namen mitgegeben Hufeisen. Und ich muss schon eine Menge Glück gehabt haben, als ich geboren war und sich meine Mutter ja entschieden hatte, mich nicht zu wollen. Und ja - ich wurde ja in einem Hotel geboren - wie gesagt - und dort wurde ich wohl nach ein zwei Stunden entdeckt. Ich lag unter einer Decke. Es musste dunkel gewesen sein, denn ich träumte später als Erwachsener immer wieder von Schwarz. Und als ich dann erfuhr, was dort passiert war, wie ich dort entdeckt worden war in dem Hotel, träumte ich nämlich nicht mehr Schwarz. Mir war klar, dass ich damals ein ungeheures Licht empfand, als ich wahrscheinlich aus diesem Raum, diesem dunklen Raum, vielleicht unter der Decke, unter der ich gelegen hatte, herausgetragen wurde. Ja, das ist geblieben. Ich suche eigentlich immer Lichtthemen. 

O.W. 
Was glauben sie - wie hat dieses in die Welt geworfen und gerettet sein ihre Musik beeinflusst und geprägt?

O-Ton Hufeisen: 
Wenn sie so direkt fragen, würde ich sagen: die ganze Musik, die ich mache ist geprägt von dieser Erlebnissituation von damals. Es ist immer ein Aufstehen, ein Hinausgehen und eigentlich auch ganz tief zufrieden. Und meine Musik ist etwas zu tiefst Zufriedenes. 

O.W. 
Zu ihrer ersten Blockflötenstunde sind Sie zwar einsam im Wald gekommen, ihre erste Begegnung mit der Flöte war aber trotzdem alles andere als "Hänschen klein ging allein" zu spielen. Wie war das?: 

O-Ton Hufeisen: 
Ich hatte mir mal mit sechs Jahren eine Blockflöte gewünscht und die bekam ich dann auch. Dann bekam ich Blockflötenunterricht. Aber nicht wie man das heute so tut - in der Schule, man geht zu einem Musiklehrer, nein. Meine damalige Heimmutter nahm mich mit und wir gingen in einen Wald und sagte: Hier hast Du das Mundstück und jetzt versuche mal die Geräusche eines Vogels nachzuahmen oder das Rauschen des Windes oder was weiss ich, das Krabbeln oder das Gehüpfe von Tierchen oder das schnelle Gehen einer Maus. Das war gar nicht einfach, aber es funktionierte. 

O.W. 
Also so kann man Flöte lernen. Kann man das auch nachahmen? 

O-Ton Hufeisen: 
Ich würde sagen Ja. Das müsste eigentlich Programm für jeden Menschen werden, der ein Instrument lernt, denn das entfaltet ungeheure Fantasie und Kreativität. Kreativität, die bei mir bis heute geblieben ist, nämlich aus nichts etwas Neues zu schaffen. 

O.W. 
Zu den Flöten selbst. Was ist dieses Instrument für Sie? 

O-Ton Hufeisen: 
Das ist für mich eigentlich die Würde vor einem Baum zu stehen. Sie müssen sich vorstellen, ich habe ja Holzflöten und mit jeder Holzflöte ist auch was Lebendiges weitergegeben. Vielleicht hat mal dieses Hölzle irgendwann mal in der Vorzeit, als es Baum war, Melodien von einem Vogel gehört. Und diese Melodien gehen wahrscheinlich durch dieses Holz immer weiter. Das ist so meine Fantasie und wenn ich dann Melodien erfinde auf so einer Holzflöte, dann gehen wahrscheinlich diese Melodien, damals die der Baum aufnahm, immer noch weiter. Sie werden neu geschaffen. Für mich ist das auch immer ein ganz tolles Bild auch für - wir sagen ja mit so einem altmodischen Wort - Auferstehung. Aber hier steht wirklich etwas neu auf. Ich stehe wirklich vor so einer Holzflöte mit Würde. Es war ein Baum. 

O.W. 
Wir sind jetzt schon im Zentrum des musikalischen Schaffens. Was kommt da alles zusammen, wenn eine Melodie in Ihnen entsteht? 

O-Ton Hufeisen: 
Ja es treffen sich eine ganze Menge Berührungspunkte. Die Melodie ist ja erst mal gar nicht da. Sondern was bewegt mich überhaupt eine Melodie zu schreiben, oder eine Melodie zu erfinden. Das können Themen sein. Z.B. ein Kind erwacht oder ein Kind möchte nicht zur Schule, oder ein Kind möchte tanzen, oder ich könnte mir vorstellen: ich schreibe mal einen Tanz für einen Bären. Also das sind ja alles Charaktere. Und diese Charaktere müssen sich in einer Melodie wiederfinden. Und für mich ist eine kleine Melodie eigentlich die grösste Kunstform. Das was Charakter ist, das was Dialog ist und dann muss es ja der Hörende auch noch verstehen. Denn ich kann ihm ja nicht noch die Worte drunter schreiben., Hallo das ist das und das. Sondern der muss das ja auch noch kapieren. Also muss ich immer in einer Melodie interaktiv denken und handeln. 

O.W. 
Sie reisen heute durch die Welt, suchen und be-suchen heilige Orte. Gehört das auch zu diesem Schaffensprozess dazu und was sind "Heilige Orte" für Sie? 

O-Ton Hufeisen: 
Das liegt daran, dass ich viele beseelte, heilige Orte besuche, weil ich das auch als Kind erfahren hatte. Wenn ich mit meiner Flöte auf irgendeiner Betonstrasse stehe, da klingt erst mal gar nichts. Sie werden ja auch gestört von Autos. Also suche ich mir einen Raum, der erst mal kein Geräusch hat, der Stille ausstrahlt. Muss auch Schönheit ausstrahlen. Und das habe ich als Kind auch schon immer gemacht. Am liebsten stellte ich mich dann in ein grosses Treppenhaus und spielte. Da zu üben, ist viel erfolgreicher und schöner, als in einem kleinen Kämmerle, das nicht klingt. Und dann habe ich erfahren, dass beseelte und heilige Orte auch immer Orte sind, die mich berührt haben, weil vor mir schon Menschen da waren, die was ganz besonderes getan hatten. Also mache ich ähnliches auch. 

O.W. 
Können Sie mal ein Beispiel sagen für so einen heiligen Ort? 

O-Ton Hufeisen: 
Ich könnte mir vorstellen zum Beispiel Kloster Maulbronn. Da haben ja Mönche gelebt und da gibt es dann einen Chorraum. Dieser Chorraum der ist hinter dem Lettner. Und ich suchte mal eine Stelle: Wo klingt es eigentlich am schönsten in der Kirche. Am Altar klang es nicht schön. Sondern ich musste diesen Chorraum entdecken, nach hinten gehen und feststellen: Oh, da haben schon mal die Mönche gesungen. Da haben sie gebetet. Also stelle ich mich mit der Flöte dorthin und also wird mein Spiel ein Gebet. Das ist ein ganz kleines Beispiel. Oder sie können auch in eine Höhle gehen und suchen sich den schönsten Klang raus. Und dann stellen sie fest an einem ganz bestimmten Punkt, da klingt es. Und dann werden sie feststellen, da waren vor ihnen schon andere Menschen, die haben wahrscheinlich den gleichen Punkt auch gesucht. 

O.W. 
Zwei Länder und ihre heiligen Orte, nämlich Jordanien und Irland stehen auf ihrem musikalischen Konzertprogramm 2003/2004. Was zieht sie da besonders hin? 

O-Ton Hufeisen: 
Irland finde ich deshalb interessant, weil ich da für mich etwas Neues entdeckt habe und das möchte ich vielen Menschen eigentlich vermitteln. Und das ist das Sonnenkreuz. An so einem Sonnenkreuz zu spielen, das ist mein Thema, nämlich Licht. In unserer Kultur, so im Abendland oder im deutschsprachigen Raum kennen wir die Kruzifixe. In Irland kennt man das nicht. Da hat main das Kreuz und im Kreuz ist auch immer der Kreis. Ein Bild für den Kosmos. Ja, das finde ich jetzt für mich wichtig. Vielleicht darf ich das mal sagen: Das hat mich zur Umkehr gebracht. Haben die Kruzifixe mit einem Leichnam am Kreuz nicht auch für viel Unfrieden gesorgt in der Welt. Ich weiss es nicht, ob das allein der Grund is, aber es ist ein ganz tief in uns verwurzeltes Symbol. Und im Symbol der irischen Hochkreuze, die aus der Keltenzeit stammen, entdecke ich auch immer im Spiel. Das war Licht, das wird Licht und ich möchte dieses Licht ganz vielen Leuten dort vor Ort zeigen. 

O.W. 
Sind Sie ein Missionar, es klingt ein bisschen danach. Sicher ein Missionar der Töne eher, als der Worte, aber dennoch: Sind sie ein Missionar? 

O-Ton Hufeisen: 
Wenn Missionar in diesem Sinne zu verstehen ist, dass ich ein Friedensbotschafter bin, dann ja. 

O.W. 
Wie bringen sie das rüber. Was bedeutet das Publikum für sie im Konzert? 

O-Ton Hufeisen: 
Stellen sie sich mal vor. Ich würde einfach in einem Konzert spielen und niemand wäre da. Also meine Musik lebt ja davon, dass es Hörende gibt und ich bin eigentlich meistens nur sehr gut, wenn das Publikum gut ist. Das ist immer ein Dialog für mich. 

O.W. 
Eine Ihrer Tourneen trägt den Titel: Ein Himmel voller Segen. Wann ist das eigentlich entstanden, dieser Titel? 

O-Ton Hufeisen: 
Wann dieser Titel. Naja, wissen Sie wie Titel entstehen? Da sitzen sie an irgendeinem Meer und haben die Aufgabe im nächsten Jahr wieder eine CD zu machen. Sie müssen ein neues Projekt angehen. Und dann liegt irgendetwas in der Luft: Segen - das Thema liegt in der Luft und zwar schon seit drei/vier Jahren. Und wenn sie dann schauen, wie andere Autoren, Buchautoren, Schriftsteller plötzlich das gleiche Thema behandeln, merken Sie: da brodelt was. Und ich möchte Segen nicht verkleinern und auf einen ganz klitzekleinen Punkt bringen und sagen "das ist Segen", sondern der Segen ist mindestens so gross wie der ganze Himmel der um unsere ganze Erde ausgebreitet ist. 

O.W. 
Sie suchen nach Kraftquellen für das menschliche Dasein - über Konfessionen und Religionen hinaus. Und sie wollen erfahrene Kraft und Hoffnung weitergeben. Worin sehen Sie die wichtigste Botschaft Ihrer Musik?

O-Ton Hufeisen: 
Dass es keine Grenzen gibt. Meine Musik ist so was wie ein Vogel, der fliegt, ob da Stacheldraht oder eine Mauer ist, oder ein Tor, oder eine geschlossene Tür - das spielt erst mal keine Rolle, sondern die Botschaft ist die: Freiheit und Würde für alle - für alle Kulturen und alle Religionen. Das möchte ich auch bewusst sagen. 

O.W. 
Wenn wir von Religion sprechen: Wer oder was ist Gott? 

O-Ton Hufeisen: 
Ja, das ist wohl die schwerste Frage, die man stellen kann. Für mich ist das Göttliche, dass ich als Mensch das tun kann, was ich im Augenblick tue. Dass ich flöten kann, dass ich komponieren kann und dass ich das auch weiter vermitteln kann und Menschen auch zuhören. Dass ich auch Menschen damit treffe. Es werden ja zum Teil ganze Heilungsprozesse freigesetzt dadurch. Das ist für mich schon sehr göttlich. Also das Göttliche in uns. Das wär mein Bild von Gott. 

O.W. 
Heilungsprozesse? 

O-Ton Hufeisen: 
Es geschehen ja viele Verletzungen in der Welt - auch in den persönlichen Begegnungen. Auch in meinen persönlichen Begegnungen, da finden ja auch Verletzungen statt. Und wo beginne ich mit der Heilung von solchen Prozessen, oder von Verletzungen? Ich möhte nicht Wunden zudekcen, sondern sie müssen ja geheilt werden, das ist ja der grösste Wunsch von vielen Menschen und auch der Wunsch in mir, dass Heilung stattfindet. 

O.W. 
Sie haben eine weiche Stimme, wirken erfüllt von Hoffnung, Licht ist ihr Thema, Glaube, Liebe - als Journalist kann ich gar nicht anders als nach der anderen Seite zu fragen. Haben sie Ihrer Flöte schon mal die Treue aufgekündigt: Wut, Verzweiflung. Gibt es Momente, wo Sie Ihre Flöte am liebsten in den Kamin kloppen würden? 

O-Ton Hufeisen: 
Also die Flöte möchte ich nicht in den Kamin kloppen, aber ich hab durchaus - das klingt jetzt hart - aber ich habe durchaus schon mal eine Flöte verbrannt. Das war eine Flöte, die mir ein Flötenbauer gemacht hatte und die klang einfach nicht. Und da habe ich gesagt: Es gibt keine Korrektur. Jetzt wird dieser Traum verbrannt. Punkt. Fertig. 

O.W. 
Welche Frage würden Sie sich stellen, wenn Sie ein Porträt über Hans-Jürgen Hufeisen machen wollten? 

O-Ton Hufeisen: 
Ja, welche Frage würde ich stellen: Wie kommst Du zu dieser Begabung. Manche können es und manche nicht. Ich habe ja mit Kollegen gemeinsam gelernt, manche sind auf der Strecke geblieben, manche erreichen ihr Ziel. Wie komme ich zu der Begabung, kreativ zu sein, schöpferisch zu sein, wirklich aus dem Nichts etwas zu schaffen? Das kann ich Ihnen nicht erklären. Aber die Frage, die finde ich gut. 

O.W. 
Hans Jügen Hufeisen war das - Komponist und Flötenspieler. Herzlichen Dank für das Gespräch!